Teil 4: Del Norte (Colorado) – Antelope Wells (New Mexico)

Uuuuaaah, ist das grauslich! Nicht einmal zwei Kilometer sind es von unserer Unterkunft in Del Norte bis zum nächsten Supermarkt, sie fühlen sich aber an wie eine Expedition in die Arktis. Gut, dass wir die Abfahrt Richtung Indiana Pass einen Tag verschoben haben … Bei diesem Sauwetter möchte keiner auf über 3.600 Meter mit dem Rad unterwegs sein!

Tags darauf erwartet uns ein sonniger Morgen mit gemäßigten Temperaturen und einer wunderschönen Winterlandschaft – perfekte Bedingungen für den Start unserer mehrtägigen Etappe über die höchsten Pässe der Great Divide!

Vorwiegend auf Höhen von über 3.000 Meter sind wir für mehrere Tage in einer gottverlassenen Landschaft unterwegs, die Sonne lässt den Schnee rasch wieder schmelzen und trocknet die anfangs verschlammten Pisten auf. Das ungewöhnlich vorwinterliche Wetter sorgt dafür, dass die Gegend hier oben bereits relativ kahl und spätherbstlich wirkt. Die Espen haben ihr Blätterwerk abgeworfen, die Wiesen sind – sofern nicht von Schnee bedeckt – braun und die Eichhörnchen sind eifrig dabei, sich letzte Fettreserven für den Winter anzufressen. Auch wir bereiten uns mit der Auswahl der entsprechenden Teesorte auf die „Cold Season“ vor.

 

 

„Yipppiiieeee!!!“ Am vierten Tag nach Del Norte haben wir die höchsten Pässe geschafft und genießen einen ewig langen Downhill auf guter Schotterpiste runter nach El Rito, New Mexico. Wir befinden uns plötzlich „nur“ noch auf einer Seehöhe von knapp 2.100 Meter und freuen uns, dass wir endlich wieder mal unsere Schiunterwäsche in die Packtaschen verbannen können – zumindest unter Tags! Die nächsten Tage sind geprägt von harten Etappen auf teils miserabelsten Pisten, kleinen Städten fernab ihrer einstigen Glanzzeiten, interessanten Begegnungen und kontrastreichen, vorwiegend ariden Landschaften.

 

 

Eine gute Woche vor dem Ziel erreichen wir das Dörfchen Pie Town. Die Legende besagt, dass ein findiger Ladenbesitzer vor vielen Jahren begann, leckere „Pies“, an müde Reisende zu verkaufen. Bald wurde der Ort allgemein als „Pie Town“ bezeichnet, was offiziell übernommen wurde und bis heute besteht. Knapp 200 Menschen leben hier, es gibt zwei auf „Pie“ spezialisierte Cafés und das legendäre „Toaster House“, welches ausschließlich Great Divide Bikern oder Continental Divide Wanderern vorbehalten ist. Man findet ein vollwertiges Haus mit allen Annehmlichkeiten vor – Schlafzimmer, Küche, Bad, Waschmaschine … Ja sogar der Kühlschrank ist gefüllt! Fix wohnen tut hier niemand, Besitzerin Nita hat das Haus allen Hikern und Bikern gewidmet, die hier durchkommen. Wir gönnen uns einen wohlverdienten Ruhetag, essen himmlischen „Pie“ im Pie-O-Neer Café und starten mit frisch geladenen Batterien in die letzte Etappe.

 

 

Es sind noch drei anstrengende Radtage durch die „Gila Wilderness“ bis Silver City, wo wir schließlich die nördliche Grenze der Chihuahua-Wüste, der größten nordamerikanischen Wüste, erreichen. Von nun an erwartet uns eine flache, weite Landschaft, gesäumt von Dornenbuschen, Kakteen und krüppeligen Yucca-Gewächsen. Nach 76 Radtagen ohne wesentliche Flachstücke könnte man meinen, dass sich das Radeln in der Ebene für uns wie fliegen anfühlen muss. Weit gefehlt: Wir tauschen die Berge einfach gegen einen energischen Wind ein 😉 Gerade am letzten Tag stemmt er sich uns nochmal mit aller Macht entgegen. 34 Meilen sind es noch bis Antelope Wells, dem wohl einsamsten Grenzübergang der USA und gleichzeitig Ziel der finalen Etappe unserer Reise. Wie in Zeitlupe zählen die Meilensteine herunter: 33 … 32 … 31 … Die Zeit zwischen den einzelnen Markern kommt uns wie eine Ewigkeit vor. Plötzlich kommen uns all die Bilder der letzten Wochen in den Sinn: die dichten Wälder Kanadas, die unglaubliche Vielfalt der Natur, die ständig wechselnden Landschaften, eisig kalte Zeltnächte, gefrorene Wasserflaschen, Schlammpisten, die Zeit mit Bryan, Gordy, Elizabeth & Dave und all den anderen Menschen, die unseren Weg gekreuzt haben. Ganz in Gedanken versunken taucht wie aus dem Nichts der 3-Meilen Marker vor uns auf. Nur mehr zwei, dann eine Meile … und schwupps, stehen wir vor der mexikanischen Grenze. Wir haben es geschafft! Die „Great Divide Mountainbike Route endet in einer gottverlassenen Gegend, an einem gottverlassenen Grenzübergang. Kein Empfangskomitee, kein Bier, nix. Dafür zwei überglückliche Radfahrer mit sonnenverbrannten Gesichtern, die es kaum erwarten können, mit einem eiskalten Bier auf dieses herausfordernde Abenteuer anzustoßen!

 

 

Bis dahin,
nandita